Abendglück
Das Glück, einen gemütlichen Abend zu verbringen
In Zeiten der Prekarität, der wirtschaftlichen Flaute, der Massenerkrankung namens “Burn-out”, da wird ein freier Abend zur hoch geschätzten Rarität. Man kann es sich nicht mehr leisten, einfach mal einen Abend auszuspannen, ohne an den Berufsalltag denken zu müssen. Und während die Öffentlichkeit die niedrigen Fertilitätsraten beklagt, jede dritte Ehe geschieden wird und die kapitalistisch geprägten Gesellschaften sowieso als egoistisch gelten – welch Überraschung – erfreuen sich die Wirtschaftspolitiker und Arbeitgeber der Leistungsmaximierung ihrer Arbeitskräfte, die mit den Grundgedanken von Adam Smith oder Karl Marx leider nichts mehr zu tun haben.
Es ist heute tatsächlich eine Selbstverständlichkeit als Angehöriger der Mittelschicht nach der Arbeit sicherheitshalber die E-Mails zu checken, die Unterlagen nochmals durchzugehen oder sich für den nächsten Arbeitstag zu rüsten. Was früher den Überfliegern und Abteilungsleitern vorbehalten war, ist heute ein allgemeines Gesellschaftsphänomen – manche Unternehmen verteilen mittlerweile Pager und Smartphones, die verpflichtend 24 Stunden am Tag angeschaltet sein müssen. Dabei kann es als wahres Glück empfunden werden, einmal einen gemütlichen Abend zu verbringen. Ein Privileg der Unabhängigen – so scheint es – unter der harmonischen Beleuchtung der zuvor im virtuellen Leuchten Shop – wie könnte es heute anders sein – ergatterten Designerlampe zu liegen und seinen favorisierten Wein online zu bestellen, vielleicht ein gutes Buch zu lesen oder mit seinen Liebsten einfach wieder einen Film zu schauen. Denn das Fernsehprogramm ist – trotz der verschärften Kritik in letzter Zeit – nicht immer kontraproduktiv, zwar auch nicht immer prosozial im Inhalt, dafür aber prosozial, wenn man im engsten Kreise der Familie und Freunde am digitalen Lagerfeuer sitzt, das es ja grundsätzlich nicht mehr ist, abgelöst von den Neuen Medien, wie das Internet.